Samstagabend, 22.46 Uhr
An meinem „Ruhetag“ stellte ich mir keinen Wecker, wachte aber fast wie gewohnt um 4:00 Uhr früh auf und begann meine gestern geladenen Bilder durch Berichte zu ergänzen. Es regnete nicht (Ich war ja nicht mehr in Schottland!), ein paar Tröpfchen nieselten aber herunter, als mein Tee etwa um 4:15 Uhr draußen fertig zubereitet war. So konnte ich meine Arbeit dann bisschen später auch draußen tun. Bis in den Vormittag hinein kamen aber immer wieder Menschen zu mir an meinen „Schreibsessel“, die sich für den gestrigen Abend und für die Musik bedanken wollten. Viele von denen, die heute wegfuhren bedauerten, nichts von meiner Liederwunschliste gewusst zu haben. Ich wiederum wunderte mich, dass die Abendmusik, obwohl sie da leiser gespielt wurde als am Nachmittag, so weit zu hören war. Vielleicht lag es am Wind, der „in die Länge des Campingplatzes“ blies. Meine nahen Zeltnachbarn Stewart, Diana, Susanne) wünschten sich gestern gelegentlich Lieder, andere Platzgäste aber auch. Und gelegentlich kamen auch Familien mit kleinen Kindern vorbei und tanzten.
Die zerlegbare Gitarre als solches schien für alle einen sensationellen Eindruck zu machen. Ich legte sie „zerlegt“ in den offenen Koffer hinein und die Liederliste daneben.
Manche bedauerten, heute Abend nicht mehr hier sein zu können, und schienen mir etwas traurig, als sie erfuhren, dass es eine Liederliste gab, aus der man sich gestern etwas hätte wünschen können.
Menschen aller Generationen näherten sich, insgesamt geschätzt – und die Zahl dürfte in etwa stimmen – kam etwa die Hälfte der Menschen, die den Platz heute verließen zu mir und bedankte sich. Manchmal auch „berührend herzlich“. Dass tat gut…
Einige blieben beim Wegfahren an meinem Zelt kurz stehen, winkten mir zu und bedanken sich anschließend für das unerwartete gestrige Geschenk. Ich bedanke mich auch für die, wenn auch für sie dann nur „musikalische“ Begegnung…
Auch ein Pfarrer näherte sich, der in seiner Jugend Eiskunstläufer gewesen ist. Er bedauerte, wegen Knieproblemen nicht mehr radeln zu können. Wir unterhielten uns länger, auch über Gott und die Welt und über manche philosophische Hypothesen. Er ist immer noch in der Seelsorge tätig und gönnte sich einen Zwischenaufenthalt hier auf dem Campingplatz.
Ich kann aber überhaupt nicht behaupten, dass meine Art zu musizieren allen Menschen gefiel. Vielleicht mochten manche auch gerade diese Stille des Campingplatzes hier?…
Mittags erlebte ich allerdings an beiden Tagen auch, dass der Rasenmäher und der Mähertrekker stundenlang arbeiteten. Und der zuständige Angestellte, welchen ich vom letzten Jahr schon kannte, entschuldigte sich bei mir sogar dafür und teilte mir mit, wann er mit seiner Arbeit fertig werden würde, dass dann wieder für eine halbe Stunde Stille herrschen konnte, bis ich mit dem anderen „Lärm“, also meinem Spiel und Gesang begann. Denn das Gitarrespiel ist wohl doch noch etwas anderes, als stupider Rasenmäherklang.
Früh morgens wandelte ich zwischendurch um den Platz herum und machte Fotos. Auch vom Lachsfluss „nebenan“, kaum 30 Schritte von meinem Zelt entfernt, welcher über Nacht etwa die Hälfte seiner Wassermenge verlor. Auch in Haltwhistle hatte es nämlich bis gestern über fünf Tage hinweg ununterbrochen geregnet.
Somit war der gestrige Tag in Haltwhistle auch der erste warme und sonnige Tag seit langem. Ich genoss den heutigen, noch wärmeren Tag, spielte, wie abgesprochen, ab 16.30 Uhr nachmittags etwa 40 Minuten lang und begann mein Spiel abends um 19:30 Uhr mit recht leisen Liedern. Es kamen dadurch auch Menschen näher, die einfach die merkwürdige Gitarre sehen wollten sowie Menschen, welche es aber auch mochten, dass ich „meine“ Lieder spiele und sie „nur“ zuhörten. Besonders empfand ich am Abend, dass ich “You Raise Me Up” spielte, aber auch die isländische Originalversion von 1977 „Söknuður”, dass ich “Morning Has Broken” spielte aber auch den gälischsprachigen Ursprung „Leanabh an áigh“, dass ich Pete Seegers „Where Have All The Flowers Gone“ von 1955 spielte, aber auch Marlene Dietrichs deutsche Version (von 1964)und die Obersorbische Version „Hdze te kvêtki Su, Praj Hdze?“, die Tomaš Nawka, ein befreundeter obersorbischer Musiker aus Bautzen zwei Tage nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine vor drei Jahren textete und ins Netz stellte.
Besonderes Interesse fanden aber immer wieder die Geschichten um die Lieder herum. Gerade dadurch konnten die Zuhörer tiefer in die Lieder einsteigen. Daher musizierte ich abends länger, als ich vorher gedacht hätte, etwa 2 Stunden lang. Und leiser als am Vorabend. Danach trank ich in Stille gemütlich meinen Tee zu Ende, packte einige Sachen vor und hoffte, die Menschen würden morgen mit einer schönen Erinnerung aufwachen.
Ich selber plante ja, schon kurz nach vier Uhr meinen „Paradiescampingplatz“ Haltwhistle zu verlassen…
„Musikalischer Gitarrennachklang“: Kevin, den ich schon vom letzten Jahr hier kannte, ist im CCC-Camp das „Mädchen für alles“. Er ist auch für den Rasenschnitt zuständig. Zwischendurch fragte er mich, ob er mir seine Gitarre vorstellen könnte. Und ob ich auf ihr spielen würde.
Ich bejahte es nach einigem Zögern.
Er selber war früher etwa ein Vierteljahrhundert lang mit berühmten englischen Bands als Rowdie unterwegs gewesen, um die jeweilige Bühnenarbeit mit Bühnenaufbau zu leisten.
Er brachte mir irgendwann seine Gitarre. Ich spielte sie kurz und verglich sie mit dem Klang meiner Gitarre. Anschließend ging ich zu ihm in die Rezeption und gab ihm kurz meine „Gitarren-Expertise“.
Wir beide mussten dann über selbige und seine Erwiderung darauf herzlich lachen.
Ich sagte ihm auch, ich würde ihm ein besonderes Plektrum schenken, damit er doch noch irgendwann zum Gitarrenspiel wiederfindet. Kevin freute sich sehr über dieses symbolische Geschenk.
Ach ja, beinahe vergessen:
Meine „Expertise“:
„Kevin, deine Gitarre klingt gut. Sie klingt wie eine gute, neue Gitarre mit „gefesselten Händen“…, und alten Saiten. SO kann sie sich aber überhaupt nicht entfalten…“
Kevin lachte ganz herzlich.
„Du hast absolut recht“, meinte er, „ich habe sie vor 15 Jahren gekauft und sie anfangs etwas ausprobiert. Jetzt aber, liegt sie schon seit zehn Jahren mit den Saiten von damals in meinem Wohnwagen. Unbespielt…“
Kevins Gitarre, die mit „gefesseltem“ Klang…