
EINE MITTEILUNG FÜR KRISTIAN, DEN RADWELTELTENBUMMLER *(Island ist sein 30. europäisches Land)**.
*Ich lernte den Kärntner Kristian (68) bereits auf dem Campingplatz in Hirtshals kennen. Er bereist mit seinem E-Bike und etwa 100 kg Gepäck seit zweieinhalb Jahren ganz Europa mit dem Ziel, alle europäischen Länder zu besuchen. Island besucht er 2026 als „sein“ inzwischen 30. Land für ein Zeitfenster von etwa 5 Wochen (und mit der Option, zwischendurch von Reykjavik aus per Flieger einen Kurztrip nach Grönland zu wagen). Anders als ich hat er im Gepäck drei starke Akkus mit dabei, mit denen er hofft, den Geländegegebenheiten Islands ausreichend begegnen zu können. Das hoffe ich für ihn auch…
** Weil sich unsere Wege aber nach einem „fast“ gemeinsam, aber um Stunden versetzt überstandenen, gefährlichen Abenteuer ab Djúpivogur in Island nicht mehr kreuzten – und er sich auch nicht meldete -, entfernte ich die bis zum 22.Juli in den Blogbeiträgen vom 12. und 13. Juni dort platzierte Mitteilung. Sie enthielt ausschließlich Hinweise auf Tipps für seine für 2027 vorgesehenen Radtouren auf den Britischen Inseln…
…………………………….
Am 12. Juni bewältigte ich die in der Karte doppelt liniert eingetragene Strecke zwischen Egilsstaðir und Djúpivogur. Die Wetteraussichten sagten für den späteren Tag viel Regen und starken Rückenwind (in Höhenlagen bis knapp 60 km/h schnell) voraus. Zwar teilte ich Henrik noch am Morgen beim Start um 4.30 Uhr mit, in die Gegend um Djúpivogur gelangen zu wollen. Eigentliches Ziel war aber ein sehr schwer erreichbarer Campingplatz von Eyólfsstadir, wo ich 2021 drei „Ruhetage“ verbrachte. Dass sich die Wetterverhältnisse (nicht nur) im Berufjord in Minutenschnelle ändern können, erfuhr ich 2016, als ich mich bei sehr stürmischem NORDWEST-Gegenwind zwischen Djúpivogur und Berufjördur fast 30 km lang auf den Rückenwind ab der ‚Wegmarke‘ Berufjördur freute, dort aber – auf dem damals noch einzig nicht asphaltierten Teilstuck der Ringstraße 1 – auf plötzlich eintretende, völlige Windstille traf, um schon wenige Minuten später – und etwa 40 km lang – gegen einen ähnlich stürmischen SÜDOST-Gegenwind zu bestehen. Dass „DAS WETTER IST.“, weiß ich aber mindestens seit der achtwöchigen und 10.000km langen Tour 2013, als ich in 40 Tagen und Nächten allein in Norwegen mehr als 38 Tage „Gießkannen-Dauerregen“ überstand.
Spätestens seit 2016, also seit „der Wegmarke Berufjördur“, wurde mir des Weiteren klar, dass „DER WIND UND ICH MANCHMAL VERSCHIEDENE INTERESSEN VERFOLGEN UND IRGENDWIE ‚ANEINANDER VORBEI‘ MÜSSEN…
2021 hingegen, auf beiden dieser Teilstrecken, erlebte ich (wegen der 3 „Ruhetage“) mit drei Tagen Abstand ABSOLUTE WINDSSTILLE…
Hätte ich aber am 12.06.2026 gewusst, in welche Lebensgefahr ich trotz größtmöglicher Gegenwärtigkeit an diesem Tage auf meiner Tagesetappe geraten würde, so hätte niemals dieselbe Streckenführung gewählt…
…………………………………………..
Start um 4.30 Uhr. Henrik ist in seinem Zelt kurz wach, sodass ich mir den für ihn vorbereiteten Zettel sparen kann. Er erfährt mündlich, wo ich heute in etwa hin will…

Ein zunächst nur leichter Rückenwind unterstützt mich, der Regen wartet noch einige Stunden. Ich steige über 40 km lang und fast ohne jegliche Anstrengung auf eine gefühlt „bleibende“ Höhe von etwa 350 m ü. N.N..





Überall, Wasserrauschen, von überallher vielfältige Vogelgeräusche…


Etwa ab 9 Uhr setzt Dauerregen und stürmischer Rückenwind ein.
Ein Schild „weist“ vor der Abzweigung von der Ringstraße Nr.1 auf die Straße Nr. 938 auf verschiedene Gefahren hin. Dort geht es von 350m ü. N.N. mit Steigungen von bis zu 17% auf 500 Höhenmeter hoch.
Der laute Rückenwind pfeift zwar, und der Regen fliegt an mir vorbei, ich erreiche dennoch mit nur wenig Mühe gegen 10.50 Uhr die höchste Passstrecke.
ACHTUNG!, Ein 17 s-Video wird hier demnächst noch installiert.
Trotz steilen Abstiegs fällt mir die Weiterfahrt zunächst leicht, weil der Wind eher irgendwo weit oben über mir pfeift, der Regen bald aufhören wird und sich sogar die Sonne zuweilen durch immer größere Wolkenlücken blicken lässt.
…………………….
Lebensgefährlich wird es hingegen erst um die Mittagszeit und viel tiefer unten, geschätzt etwa ab 250 m ü. N.N.: Durch atmosphärische Wechselwirkungen zwischen Sonne, Starkwind, unterschiedlicher Erhitzung der traumhaften Bergkulisse rundum u.v.m. bedingt, entstehen um mich herum plötzlich mehr als orkanartige Fallwinde, in Zickzackbewegungen begleitet von spontan sich bildenden Windhosen. Diese – von hinten fallend – wirbeln in Sekundenbruchteilen Sand und Schotter auf. „Leergeschöpft“ werden die inzwischen „praxisgeformten“ waschbrettartigen, gut gemeinten (ehemaligen) „Straßenbelege“ auch von gelegentlich mit Vollgas bergauf entgegenkommenden Reifenprofilen der von Gelände und Wetterunbilden äußerst herausgeforderten Fahrzeuglenker. Die Steigungen (für mich aber Gefällstrecken von bestimmt gut 20% Neigung) bewältige ich mit vielleicht 3km/h und halte dabei das linke Bein ausgestreckt nach vorn „für alle Fälle“.
Es nützt aber nix, denn eine Windböe erwischt mich schließlich doch voll von rechts – vielleicht verbremste ich mich da auch -, und ich schlage im Folgenden seitwärts auf, meine Provianttasche fliegt dabei aus den Haltegummis über dem wasserdichten Gitarrensack. Sie bleibt über meinem Kopf, mitten auf der windumtosten Fahrbahn liegen… Mein linkes Knie ist geprellt, der linke Ellenbogen „aufgeratscht“ (beides werde ich allerdings erst viel später merken), mindestens zwei Rippen links sind vom Lenkeraufschlag geprellt (die Schmerzen werden dank regelmäßigen Gitarrenspielens und „Atem öffnenden“ Singens erst nach zwei Wochen vernachlässigbar geworden sein).
Und, dass die Gitarre doch Schaden genommen hat, mich aber (wie vermutlich auch mein Helm) vor vielleicht Schlimmerem bewahrte, werde ich erst nach Wochen in Bochum festgestellt haben…
*
…Ich springe nach dem Aufschlagen sofort auf, versuche fortan und kilometerweit zu Fuß das Gefälle vor mir zu bewältigen, finde dabei aber auf den Schotter- und Schuttresten kaum Halt, um den Fallwinden ‚kontrolliert‘ zu begegnen.
Zweimal springe ich sogar blitzschnell vom Rad weg, lasse es fallen, weil mir die aus wechselnden Richtungen kommenden Fallwinde von hinten das bepackte Tourenrad einmal nach links, direkt an die Fersen, einmal nach rechts „querknallen“…
Erst unten, und fast schon auf Meereshöhe angelangt, kann ich auf dem hier schon etabliertem Grasbewuchs in etwa erkennen, dass Sekundenbruchteile später die nächste Windböe ihrer mir rätselhaft bleibenden Bestimmung nachgehen wird.
Das Radfahren wird allmählich wieder möglich.





„Das Radfahren wird allmählich wieder möglich…“

Oben, wie unten: Die Abfahrt zum eigentlich vorgesehenen Etappenziel, dem Campingplatz von Eyólfsstadir.

Gleich nach dem Sturz wurde mir klar, dass ich mit Rückenwind den gut 20 km weiter liegenden Zeltplatz in Djúpivogur zu erreichen versuchen muss, weil die geschilderten Fallwinde – weil aus derselben Richtung kommend – auch genau auf meinem Wunschplatz in Eyólfsstadir noch aktiv sein dürften und ich keine Lust auf eine weitere „Mutprobe“ hatte.

Gegen 14.30 Uhr war ich am Ziel. Ich versorgte mich im sehr kleinen Supermarkt und erreichte den Campingplatz. Nachdem die Onlineregistrierung misslang, erfuhr ich, dass das Hotel in der Nähe und der Campingplatz von denselben Besitzern geführt werden. Im Hotel gelang es mir bei der aus Polen stammenden Angestellten die Gebühr zu bezahlen und anschließend, das Zelt aufzubauen , zu kochen und zu duschen…
Stunden später erreichte auch Henrik denselben Campingplatz. Auch wenn sich die prekäre Fallwindsituation durch Luftmassenausgleich auf „unserer“ Tagesstrecke inzwischen gelegt haben dürfte, waren wir uns einig, dass wir beide heute die gefährlichsten Situationen unserer jeweiligen, sehr verschiedenen „Radler-Karrieren“ (üb)erlebt haben.
Henrik war völlig erledigt von den Anstrengungen des Tages. Der kleine Supermarkt schloss wenige Minuten nach seiner Ankunft und öffnete erst am Montag wieder. Pech. Eine seiner Sorgen verschwand aber bald: Weil er ins Servicegebäude kam, konnte er seine drei schweren Akkus dort gleich zum Aufladen anschließen. Zum Duschen war er zunächst aber zu müde, eine Nudelsuppentüte von mir nahm Henrik aber dankbar an.
Auch fürchtete er, morgen wegen starken Muskelkaters erst sehr spät in Richtung Höfn starten zu können.
Ich versuchte, soweit es ging, meine verstaubte Ausrüstung zu reinigen, war froh über das freundliche Wetter hier am Ort und glücklich darüber, fast unverletzt meinen Sturz überstanden zu haben.
Als Henrik in Djúpivogur ankam, war ich auch schon wieder gut erholt von den Tageserlebnissen, packte meine Gitarre aus und spielte einige Lieder und erfüllte später auch die Wünsche einiger Zuhörer.
Henrik hörte aus seinem Zeltinneren auch gerne zu. Weil ich aber morgen sehr früh in Richtung Höfn aufbrechen wollte, packte ich die Gitarre nach etwa einer Stunde wieder ein.
In Reykjavik, wo ich einige Tage später einen schönen Campingplatz fand und in der Lounge des ihm angegliederten Hotels fast zwei Stunden lang Liederwünsche der Gäste erfüllte, werde ich von einem französischen Urlauberpaar Fotos aus Djúpivogur zugeschickt bekommen, das dieses im Vorbeigehen von meinem Spiel dort gemacht hatte. Danke!
Auch nach der obigen Schilderung des Tagesverlaufs möchte ich noch einmal wiederholen:
Hätte ich am 12.06.2026 gewusst, in welche Lebensgefahr ich trotz größtmöglicher Gegenwärtigkeit an diesem Tage auf meiner Tagesetappe geraten würde, so hätte niemals diese Streckenführung gewählt…

